Gib niemals auf.

Gib niemals auf.
Gib niemals auf. Niemals!

Sonntag, 2. März 2014

Wie alles begann ...

Es war Sonntag, und eigentlich war alles normal, bis auf mein linkes Bein - es war taub, ich habe es einfach nicht mehr gespürt. Wie nach einem Zahnarztbesuch, wenn man seine Backe nicht mehr spürt - vielleicht hat man drauf gebissen, vielleicht nicht, vielleicht schaut man beim Lachen total affig aus ... so war es eben mit meinem Bein, vielleicht war es da, vielleicht nicht, vielleicht habe ich mich gerade angeschlagen, ich konnte nichts dazu sagen, es fühlte sich an, als würde es nicht mir gehören.
Unzählige Male habe ich mir in mein Bein gezwickt, in den Oberschenkel, in die Waden, in den großen Zeh - nichts. Ich habe einfach nichts gespürt. Und da verspürte ich zum ersten Mal richtige Panik. Was war denn nur los? Gestern war doch noch alles in Ordnung gewesen?! Den ganzen Tag über kratzte und zwickte ich mich unentwegt in mein linkes Bein, aber es tat sich nichts. Ich spürte einfach gar nichts davon. Das einzige, was sich veränderte, war, dass mein Bein im Laufe des Tages rot und blau wurde. Mehr aber auch nicht. Abends saß ich dann mit meinen Eltern und meinem Bruder beim Abendessen, und da konnte ich meine Angst nicht mehr unterdrücken, ich musste ihnen einfach erzählen was los war. Bei meinen Eltern schrillten sofort die Alarmglocken - man muss aber dazu sagen, dass wir in der Familie leider bestens mit Multipler Sklerose vertraut sind - und sie meinten, wenn es bis morgen nicht weg ist, solle ich sofort zu unserem Hausarzt gehen.
Natürlich hatte sich Montag nichts getan, also: ab zum Hausarzt. Der war auch bestens mit der Situation in unserer Familie vertraut und verwies mich umgehend zum Neurologen - mit Verdacht auf Multiple Sklerose.
Bis zu diesem Tag hatte ich mich nie wirklich mit dieser Krankheit befasst, ich wusste, dass es sie gibt, dass sie ziemlich beschissen sein konnte, aber was genau die MS war? Keine Ahnung.
Was folgte war ein unfassbar kräftezehrender Ärzte-Marathon. Montag Neurologe, Dienstag Neurologe und Radiologe, mittwochs das gleiche Spiel, Donnerstag ins Krankenhaus zur Lumbalpunktion und Freitag wieder zum Neurologen. Das Ergebnis? Nichts.
Beim MRT von Schädel und Hals- und Brustwirbelsäule gab es keine Ergebnisse, Gott sei Dank, ich war so erleichtert, also war ich doch gesund und mein Bein hatte einfach mal einen kurzen Aussetzer. Doch die Freude endete mit der Lumbalpunktion: die zeigte dann, dass ich doch eine Entzündung im Rückenmark habe, doch - war sie chronisch? Oder nur kurzweilig?
Also, das gleiche Spiel wieder von vorne, wieder verbrachte ich zusammen mit meinen Eltern unzählige Stunden in Wartezimmern, und siehe da, beim zweiten MRT zeigten sich dann die ersten Herde. Somit stand auch meine vorläufige Diagnose: Multiple Sklerose. Endgültig konnte mein Neurologe das zwar noch nicht sagen, aber aufgrund der familiären Situation ... blaaabla ... "liegt der Verdacht nahe, dass Sie MS haben, Lisa."
Als mein Neurologe diesen Satz sagte, brach für mich in dem Moment die ganze Welt zusammen. Gerade hatte ich doch die Einladung der Polizei bekommen zum Einstellungstest, in einem Jahr sollte ich mein Abitur machen ... ich war doch gerade erst 17? War MS nicht eine Krankheit für "ältere Menschen"? Scheinbar nicht.
Nun, da ich ja irgendwie noch mehr betroffen war als schon zuvor, musste ich mich ja wohl oder übel mit dem auseinandersetzen, was da nun in mir schlummerte ... Autoimmunkrankheit des zentralen Nervensystems  ... Entzündungen im Zentralen Nervensystem ... Axone ... Myelin ... ich las so viel, irgendwann brummte mein Hirn. Und doch war ich kein Stück schlauer - was kam denn nun auf mich zu? Ich fand keine Anwort auf meine Frage, aber nicht, weil Google das nicht wusste - Google weiß eh so gut wie alles - nein, weil es einfach keine Antwort gibt. Nicht umsonst heißt MS auch "die Krankheit  mit den tausend Gesichtern".
Liest man sich durch die unterschiedlichsten Foren ist man danach auch nur verwirrter als zuvor, manche berichten wie gut es ihnen geht, " ich lebe mit MS, nicht die MS mit mir" (heute kann ich dazu sagen: BULLSHIT!) andere schreiben von ihrem Leid, ihren Problemen und Depressionen ... Ist natürlich wenig hilfreich, wenn man als 17 jähriges Mädchen vor dem Rechner sitzt, nach Antworten sucht und eigentlich nichts findet, was einem die Angst in irgendeiner Weise nimmt.
Also versucht man, selbst einen Weg zu finden, damit umzugehen. Und was soll ich sagen? Mein Weg war der falsche. Ich zog mich komplett zurück von Freunden, Familie, Sport, ging kaum noch raus, war lustlos und ständig unfassbar traurig. Nichts konnte mich aufheitern, auf nichts hatte ich Lust, ich wurde zickig und launisch und es kam wie es kommen musste - ich wurde offiziell depressiv.
Meine Mutter und mein Vater, meine Freunde, alle versuchten mich aufzuheitern, mich aus meinem Loch zu holen in das ich gefallen war .. vergeblich.
Doch als ich dann meine Rückzugsphase hinter mir gelassen hatte, weil irgendwann doch das gefruchtet hatte, was meine Familie auf mich einredete, da schlug ich ins komplette Gegenteil um. Ab zum Schwimmen, Skaten, Radeln, zum Laufen und am besten danach gleich noch zum Volleyball, ich stürzte mich in den Sport, reagierte mich ab, trainierte auf den Einstellungstest, schließlich hatte ich erst die vorläufige Diagnose, die muss ich ja beim Amtsarzt nicht angeben und die Chancen, meinen Traumberuf verwirklichen zu können waren noch vorhanden.
Und was soll ich sagen? Auch dieser Weg war der falsche. Mein Körper war ausgelaugt, kaputt, kam kaum noch zu Kräften, und der Sport, der mir anfangs so gut getan hat, der meiner Seele so gut getan hatte, machte sie jetzt wieder kaputt. Somit kamen die nächsten Schübe, die endgültige Diagnose wurde gestellt und ich konnte meinen Traumberuf Polizistin, trotz meines ausgezeichneten Notendurchschnitts von 1,1, an den Nagel hängen.

Ich glaube, den richtigen Weg für sich selbst nach so einer Diagnose zu finden ist sehr sehr schwer. Ich habe es nicht geschafft. Zumindest am Anfang.
Man muss einen Mittelweg finden, den schmalen Grat zwischen dem Alleine sein, auf seinen Körper hören was er braucht, und dem, was der Seele gut tut. Nicht alles was die Seele will tut dem Körper gut und umgekehrt.
Es ist in Ordnung, dass man in ein gewisses Selbstmitleid mit sich selbst versinkt, schließlich hat man auch seinen Grund dazu. Aber man darf nie vergessen, dass es viel viel schlimmer sein könnte. Ja, es ist MS - aber es ginge noch viel schlimmer. Auch, wenn man das nicht hören möchte, vor allem zu Beginn, kurz nach der Diagnose, aber wenn man sich das selbst immer wieder vor Augen führt, kann man manchmal besser mit der Krankheit umgehen.

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